Bei vielen von uns hat das kalten Schweiss ausgelöst, Herzrasen, Puls spürbar im Hals, ein schwer beschreibbarer Mix aus einem grossen Turn-On und dem Gefühl etwas komplett Illegales zu tun, das zu hundert Jahren Gefängnis und öffentlicher Scham führen wird: Das Anmelden an den aller aller aller allerersten Kink-Event. Für viele in der Schweiz ist das der Newbie Info-Anlass der IG-BDSM. Manchmal hilft es, wenn man etwas genauer weiss worauf man sich einlässt. Deswegen hier eine ganz trockene, langweilige Step by Step Beschreibung, was passiert wenn man sich da anmeldet und da hin geht:
- Die Anmeldung: Wo auch immer man der Existenz des Info-Anlasses begegnet ist, der Moment der Anmeldung fühlt sich krass an. Vielleicht ist man gerade in einem Inkognito Browser unterwegs und fragt sich beim Anmelden, ob dann die ganze Welt weiss, dass man sich hier angemeldet hat? Die Antwort ist: Nein. Uns ist bewusst, wie sensibel die paar wenigen Informationen sind, die ihr hier hinterlegt, und die brauchen wir nur für die Administration, sonst nichts.
Pro-Tipp: Da wir uns in der Kinkwelt sehr verletzlich zeigen (manchmal reden wir über unsere geheimsten Phantasien, wir begegnen anderen Kinksters etc.), wählen viele von uns ein Pseudonym. Mit diesem richten manche auch Mailadressen ein, um nicht auf die “normale” Mailadresse kinky Zeugs zu kriegen. Das dürft auch ihr von der ersten Sekunde an in der BDSM-Welt euer “richtige Namen” geht auch uns nichts an, wenn ihr das nicht wollt.
- Die Folgemails: Du kriegst zwischen deiner Anmeldung und dem Event ein paar Mails. Eine Bestätigung deiner Anmeldung, oder falls es keinen Platz mehr hat, die Bestätigung, dass du auf der Warteliste bist. Einige Tage vor dem Event, dann nochmals die wichtigsten Informationen zusammengefasst.
- Der Event rückt näher: Je näher der Newbie-Tag kommt, desto mehr können Unsicherheiten im Kopf rotieren. Werden das jetzt dort alles mega krasse Leute sein, in schwarzem Lack und Leder gekleidet? Gross und schön und muskulös und schlank und einschüchternd? Werden die mich auslachen, wenn sie mich sehen? Bin ich die totale Aussenseiter:in in diesem Setting? Nein zu allem. Die Menschen sind normal, die sehen normal aus, manche werden dir super sympathisch rüber kommen, andere nicht, aber garantiert niemand wird dich krumm anschauen, weil: die sind ja alle im genau gleichen Boot wie du! Klar, manche Newbies und Workshopleiter:innen tragen kinky Kleidung, aber so ein Workshopsetting ist keine Modeshow. Du darfst dich so kleiden, wie du dich wohlfühlst: Das darf ganz leger sein, das darf aufregend sein, wie auch immer du magst.
- Die Anreise: Entweder mit Zug und Bus oder mit Auto, irgendwann wirst du bei der Location ankommen. Das ist kein gotisches Schloss auf einem einsamen Hügel, sondern ein unauffälliges Gebäude inmitten eines Industriegebiets. Falls du mit dem Auto kommst, sind die Chancen hoch, dass der Inhaber der Alpha Lounge, der grossartige Markus in gelber Warnweste, dich zu einem Parkplatz eingewiesen hat. Bei dem unauffälligen Eingang steht dann irgendwo, dass diese Alpha Lounge ein Stock höher liegt. Mit der Treppe dauert das nicht lange, mit dem Lift etwa gleich lang. Oben angekommen, hat es da meist eine verschlossene Türe, daneben eine Klingel. Kaum geklingelt, öffnet sich die Türe und ihr tretet ein in die Alpha Lounge. Die Chancen sind ziemlich gross, dass schon andere mit dem gleichen Schicksal nervös vor der Türe warten.
- Vor dem Event: Drin wird an der Rezeption der Anmeldeprozess gemacht, der läuft von rechts nach links ab: Da nennst du zuerst deinen Namen, den du an der Anmeldung gegeben hast, wirst als “anwesend” eingetragen und dann bezahlst du den Eintritt (der ist lediglich CHF 30 für einen ganzen Tag Workshop). Danach geht es weiter zu einem Menschen, der dir noch ein paar Infos zu der Location gibt und ein farbiges Bändeli für das Handgelenk. Beim letzten Menschen darfst du eine Getränkekarte kaufen (der Restbetrag kriegst du nach dem Event zurück). Bei Bedarf, kriegst du dort auch einen Garderobenschlüssel. Unweigerlich werden Dir einige kinky Gegenstände auffallen rund um die Rezeption, das ist schon ganz schön aufregend. Nach dem Anmelden kannst du dich umziehen, falls du willst, und in ein kinkieres Outfit schmeissen, oder einfach zur Bar gehen und warten, bis es los geht. Spätestens dort triffst du dann auf rund 50 andere Newbies, die am gleichen Punkt stehen wie du, sich auf dasselbe freuen wie du, und alle genauso normal sind wie du. Vielleicht gehst du dich in der Alphalounge ein bisschen umschauen, begegnest liebevoll eingerichteten Räumen, aufregenden kinky Werkzeugen und noch aufregenderen kinky Möbelstücken. Was ich dir gleich versichern kann: Das ist nicht ein Workshop, wo es dann plötzlich heisst “So, wir hängen dich jetzt mal hier hin” oder “hauen dich mal mit dieser Peitsche dort”.
- Der Einstieg: Nach einer kurzen Vorstellung der Workshopleitenden, erfährst du auch was das mit diesen Farben aus der Mail mit sich hat. Anhand der Farben passieren Einteilungen in kleinere Gruppen, denn die Workshops finden parallel statt. Zuerst aber gibt es für alle zusammen den ersten Theorieteil: BDSM Allgemein. Dieser gibt einen Abriss über die wichtigsten Begriffe und Best-Practices der BDSM Welt. Du bist also schon mitten drin. Deine Aufregung wird sich vermutlich ein bisschen legen, vermutlich werden dir viele Begriffe schon bekannt vorkommen (cuz Internet) – am wichtigsten aber: Du wirst merken, dass die Workshopleitenden ganz normale Menschen sind (und auch nervös sind!) und kein Wettstreit zwischen den Newbies stattfindet, wer jetzt schon am meisten weiss. Alle sind erwachsen, alle sind normal, alle sind anständig.
- Die Theorie Workshops: Der Tag ist zweigeteilt, zuerst gibt es Theorie zu SM, D/s und Bondage, danach die Möglichkeit ein paar praktische Erfahrungen zu sammeln. Die Workshops finden in verschiedenen Räumen statt, das ist ziemlich cool, um diese Alpha Lounge ein bisschen näher kennenzulernen. Da ihr die Kurse in eurer Farbgruppe macht, hat es immer genug Platz für Fragen und man lernt die anderen Newbies derselben Gruppe ein bisschen kennen. Die Pausen dazwischen sind genauso wertvoll wie die Workshops selbst: Man kommt mit den Kursleiter:innen ins Gespräch, den anderen Newbies, den anderen IG-Leuten vor Ort. Die Kurse sind dicht, können auch mal etwas überfordern oder überwältigen in der Informationsdichte. Da hilft es doppelt, sich in den Pausen noch ein bisschen austauschen zu können. Und wer Sorge hat, dass die Pausen irgendwie eine Fleischshow oder eine Partner:innenbörse sind: Nein, das sind sie echt nicht. Alle sind neu in der Szene und freuen sich einfach, sich austauschen zu können, mit Menschen denen es ähnlich geht.
- Die Praxis Workshops: Nach den Theorieworkshops gibt es eine längere Pause und dann den Praxisteil. Der ist bedeutend freier gestaltet: Du kannst zuschauen, ausprobieren, mitmachen, wo auch immer du willst. Ein paar Peitschen ausprobieren, einen Knoten zum Fesseln erlernen, Status entdecken, Konsens entdecken etc. Oder die Zeit nutzen, um mit Workshopleiter:innen ein privateres Gespräch führen, um deine brennendsten Fragen zu stellen, die du nicht vor anderen stellen wolltest.
- Die Reise geht weiter: Irgendwann machen sich die anderen auf den Heimweg und irgendwann geht der Tag zu Ende. Abgesehen von einem Handout, das nochmals die wichtigsten Punkte des Tages zusammenfasst, nimmst du hoffentlich ganz viele aufregende Eindrücke mit und das Gefühl, dass das genau deine Welt ist. Deine Reise beginnt natürlich erst. Du hast von Stammtischen gehört, von IG-Parties, für die du ein Buchungsvorrecht gekriegt hast, von Möglichkeiten, Ideen, Phantasien und dem Wissen, dass die IG auch für deine nächsten Schritte da ist. Du hast andere Leute kennengelernt, die auch am Anfang stehen, mit denen du vielleicht zu deinem ersten Stammtisch oder ersten Party gehst. Im Nachgang gibt es dann noch eine Mail mit vielen Links und einem anonymen Fragebogen, ob dir der Event gefallen hat und wie wir uns weiterentwickeln können.
Wie Du siehst, da passiert nichts Schlimmes. Da hat es keine bösen Menschen, da musst du nicht vor der Gruppe irgendetwas tun, da wird dir nichts Schlimmes widerfahren. Viel wichtiger aber: Du gehst Deiner Neugierde nach. Du hast den Mut, entdecken zu gehen, was dich interessiert, was dich vielleicht schon seit ganz langem interessiert. Das in sich ist das allergrösste Geschenk und der mächtigste Akt der Selbstliebe überhaupt. Wir von der IG-BDSM sind einfach nur da, um Dir den Einstieg möglichst sicher und einfach zu ermöglichen und Dir dabei zu applaudieren.

