Die unterschätzte Schönheit des “Neins”

Nein, Nö, Boah ne, Hell no, ne-heeein.

In unserer Welt des Konsens und Kinks gehört Verneinung und Ablehnung zum Alltag des Verhandelns und Spielens. Das unscheinbar einsilbige Wort ist vielleicht sogar das wichtigste Wort überhaupt unserer Szene. Aber manchmal kann es ganz schön schwierig sein, das auszusprechen. Dem will ich ein bisschen auf den Zahn fühlen. 

Nein zu sagen sollte einem nie schwer fallen, erst recht nicht in unserer Welt. Aber manchmal ist es das dann doch, weil…

… du mit einem Gegenüber am Verhandeln bist, das umwerfend attraktiv ist, auf das du vielleicht sogar einen kleinen Crush hast und in deinem Kopf könnte nichts Schlimmeres passieren, als wenn dieser Crush dich wegen einem “Nein” doof findet. 

…das Gegenüber eine total erfahrene und angesehene Person in der Szene ist, vielleicht sogar Lehrer:in in einem Workshop und sich das irgendwie peinlich anfühlt, so einer tollen Person “Nein” zu sagen.

… du mit einem Menschen verhandelst, der total süss ist und sich wahnsinnig bemüht liebenswürdig zu sein, und weil der Mensch so nett ist, hast du das Gefühl, du schuldest ihm etwas. 

… dein Gegenüber ist super scheu und hat sich soviel Mühe gegeben, dich um XY zu fragen, so dass du dich irgendwie schlecht fühlst, wenn du diesem scheuen Menschen die Hoffnungen crushst und “Nein” sagst. 

… du weisst, dass es dein Gegenüber extrem enttäuschen würde, wenn du Nein zu ausgesprochenen Wünschen sagst und wer will schon andere enttäuschen?

… du hast dich seit Wochen enorm auf diese Session gefreut, hast dich herausgeputzt, dein Outfit zwanzigmal gewechselt bis du das perfekte gefunden hast und jetzt ist es endlich so weit, und wie bescheuert wäre das denn, wenn du jetzt plötzlich Nein sagst, nur weil es sich jetzt wo es so weit ist nicht ganz richtig anfühlt? Vielleicht sagst du dir, das sind bestimmt nur die Nerven, kommt schon gut, du wolltest ja heute hier sein.

Manchmal ist es nicht nur Kopfsache, manchmal macht es uns das Gegenüber auch absichtlich schwierig. Das wäre dann die Kategorie “Arschloch”. Denn manchmal begegnen wir Menschen, die uns das Gefühl geben, …

… falsch, minderwertig, mutlos zu sein, wenn wir Nein sagen.

… nicht den vermeintlichen Standards eines richtigen “Tops” oder “Bottoms” zu genügen, wenn wir dieses oder jenes nicht bereit sind zu machen. 

… dass es eine Bestrafung geben wird, wenn wir für etwas nicht zu haben sind. Vielleicht Bestrafung durch Ignoranz, oder durch Abwertung, vielleicht werden dann auch andere Dinge “extra nicht” passieren, die schon besprochen wurden. Oder auch einfach schrecklich schlechte Laune als Quittung für das “Nein”. Vielleicht sogar eine Blossstellung vor anderen.

… dass unser “Nein” nicht ernst genommen wird, mit Kommentaren wie “das sehen wir dann noch”, “ich weiss schon, was gut ist für dich”, “vertrau mir, du wirst das super finden.”

… dass gar nicht so wirklich die Gelegenheit da ist, überhaupt zu Etwas “Nein” sagen zu können. Weil wir überrumpelt werden von Tatsachen statt Verhandlung; weil plötzlich alles schnell gehen muss; weil ja “eh alles klar ist”; weil “nur ein bisschen”; weil “kann ja mal passieren” etc.

Aber egal wie schwer oder einfach, mit Überwindung oder sogar unter Furcht, verkleidet als ein nicht ganz freiwilliges “Ja” oder mit schallendem Lachen – Nein ist und bleibt Nein.

Vielleicht hilft dieser Gegenentwurf, damit das “Nein” in jeder erdenklichen Situation mit grosser Selbstverständlichkeit rauskommen kann:

Nicht Nein zu sagen, ist irgendwie ein Nein zu sich selbst. Das Entdecken, Eingestehen und Erobern der eigenen Sexualität ist ein ziemlich beeindruckender Kraftakt, wofür du pompöse Paraden, Preisverleihungen und prickelnden Champagner verdient hast. Da steckt meist Angst, Mut, Durchhaltewille und steinbruchmässige Arbeit an dir selbst dahinter. Zur Hölle mit allen, die dir diese Errungenschaft absprechen wollen.

Diese Errungenschaft gibt dir auch offiziell die Erlaubnis, in einer Verhandlung egoistisch zu sein und bedingungslos dafür einzustehen, was du willst und was du nicht willst.

Andere zu enttäuschen ist grossartig!! Weil dann läufst du viel weniger Gefahr, dich selbst zu enttäuschen. Und wer dir ein schlechtes Gefühl, Erpressung oder Bestrafung für ein “Nein” gibt, hat die Aufmerksamkeit sowieso nicht verdient – sondern einen Eintrag auf deiner “Sperrliste”.

Falls du grosse Angst davor hast, andere zu enttäuschen, dann spiel es in deinem Kopf durch, führe ein Selbstgespräch, bei dem du Nein sagen übst. Vielleicht übst du sogar mit jemandem aus deinem Freundeskreis. Denn bei einem “Nein” kann gar nichts passieren, wenn dein Gegenüber so toll ist, wie du denkst, wird dieser Mensch sich Mühe geben, dir dein Nein einfach zu machen.

Unsere Welt funktioniert ausnahmslos mit Konsens. Aktiv Konsens zu leben bedeutet auch Nein zu sagen. Und für Konsens braucht es mindestens zwei. Deswegen noch ein paar Worte an die “Nein”-Empfangenden:

Nein ist Nein und braucht kein “Warum?” als Rückfrage. Klar bist du neugierig zu erfahren warum, wenn du mit dem “Nein” überhaupt nicht gerechnet hast oder du unglücklich über das “Nein” bist. Aber mit einem “Warum denn” wird sich dein Gegenüber unweigerlich auch herausgefordert fühlen im “Nein” sagen und wird durch dich in die Situation versetzt, ein “Nein” rechtfertigen zu müssen. Schlechte Ausgangslage für Vertrauen und eine gute Session. Auch mit der allerbesten Absicht und der freundlichsten Verpackung, ein “Warum” beim Verhandeln ist implizit immer eine Aufforderung zur Rechtfertigung. Vielleicht verhandelst du auch gerade mit einem Gegenüber, das schlechte Erfahrungen gemacht hat, und automatisch an ein Nein eine Rechtfertigung anhängt. Das ist eine der wenigen Situationen beim Verhandeln wo es OK ist, sein Gegenüber zu unterbrechen und zu signalisieren “Hey, das musst du nicht rechtfertigen, wenn du nicht willst. Nein ist Nein. Voll OK so.”

Gefühle kann man angeblich nicht steuern. Manchmal löst das Hören eines “Neins” auch Gefühle der Enttäuschung, Traurigkeit, Minderwertigkeit aus. Dein Gegenüber hat für Engagement im Verhandeln nur Wertschätzung verdient. Vielleicht findest du ausserhalb des Gesprächs einen Umgang für diese Emotionen und kannst Nachgehen, woher diese kommen. Denn eigentlich darfst du deinem Gegenüber dankbar dafür sein, dass dieser Mensch sich so gut kennt und ehrlich zu dir ist. Das Umkehrszenario wäre ja, dass zwar das passiert, was du dir wünscht, aber nur du selbst daran Freude hättest und dein Gegenüber etwas tut, was es eigentlich nicht will. Das soll kein Aufruf dazu sein, keine Emotionen in einer Verhandlung zu zeigen. Aber wir dürfen uns als verantwortungsbewusste Kinksters auch Mühe geben, einander das “Nein” einfacher, statt schwerer zu machen und nicht die eigene Enttäuschung höher zu werten als die Ehrlichkeit des Gegenübers. Da könnte es zum Beispiel eine Strategie sein, gemeinsam nach einem anderen “Ja” zu suchen, quasi einen konstruktiven Umgang mit der Enttäuschung zu suchen, statt einen destruktiven. 

Falls in dir eine Unsicherheit aufkommt, ob das “Ja” deines Gegenübers ernst gemeint ist oder Zweifel, ob der Mensch sich sicher ist im “Ja”, dann frag nach. Im Gegenteil zum Nachfragen bei einem “Nein”, stärkt das Nachfragen bei einem “Ja” das Vertrauen. Du signalisiert damit deinem Gegenüber, dass auch ein “Nein” okay ist, vermittelst Sicherheit und erfährst vielleicht noch mehr darüber, was für Phantasien hinter dem “Ja” stecken. 

Sei ehrlich zu dir selbst: Löst das Hören eines “Neins” eine Hilflosigkeit in dir aus, die vielleicht manchmal in Aggressivität umschlägt oder eine Traurigkeit, die dich dazu bringt, dich ein bisschen “rächen” zu wollen (was du vielleicht auch manchmal erst im Nachhinein merkst)? Wenn du wiederholt solche Emotionen erfährst, möchte ich Dir ans Herz legen, mit professioneller Aufarbeitung zu mehr emotionaler Zugänglichkeit und Selbstermächtigung zu finden, die dich vor impulsiven Handlungen bewahren. Besonders wenn du merkst, dass dieser Impuls wiederkehrend auftritt und dich überfordert, ist professionelle Unterstützung empfehlenswert. Dieses “Umschlagen” von Ohnmacht in Aggression ist ein Hinweis, dass etwas in dir durch diese Ablehnung aktiviert wird, das deine bewusste Aufmerksamkeit verdient. Als Menschen sind wir dazu gebaut, Emotionen zu regulieren. Toxische, narzisstische Verhaltensweisen müssen nicht so bleiben wie sie sind. Man darf daran arbeiten und wachsen. Und, entschuldigt die Formulierung: Falls du eine Tendenz zu toxischem Verhalten hast im Umgang mit “Nein”, dann erwarten wir als Szene von dir, dass du das erkennst und daran arbeitest, um einen Platz zu haben. 

Unsere Welt des Kinks braucht Vertrauen. Vertrauen bedingt Ehrlichkeit. Ehrlichkeit bringt Verletzlichkeit mit sich. Und mit Verletzlichkeit können wir verantwortungsvoll umgehen. Tun wir uns den Gefallen und geben uns aktiv Mühe, gesund mit “Neins” umzugehen – unseren eigenen und denen von anderen.

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