Die Weltgeschichte des BDSM Teil 3: Renaissance bis zur Moderne

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… 1452 geht die Sache mit Gutenberg und dem westlichen Buchdruck los…

Heutzutage gibt es die “Rule 34”, eine Internet-Regel die besagt: “If it exists, there is porn of it.” Will heissen, dass wenn es bspw. die Simpsons gibt, gibt es irgendwo im Internet auch eine pornographische Karikatur davon. Diese Regel könnten wir auch auf Medien adaptieren: Wenn es ein Medium gibt, wird es auch für Pornographie benutzt. Und Pornographie ist für unseren Kontext oft ein sehr nützliches Zeitdokument, um die Weltgeschichte des BDSM weiterzuschreiben. Wie wir in den letzten beiden Teilen schon gelernt haben: Egal ob handgeschrieben, eingraviert, an Höhlenwänden gemalt, in Säulen verewigt oder in tausend teiligen Fresken festgehalten – wenn es ein Medium gibt, dann werden es früher oder später auch Kinksters für ihre Perversionen benutzen. Wenn wir vom Buchdruck reden, sollten wir im Kopf behalten, dass “Schreiben” früher nicht zu vergleichen ist mit Schreiben heute. Was wir mal kurz in den Computer oder das Handy tippen, dieser oft gedankenlose Akt, der uns nichts kostet, ist heute eine Selbstverständlichkeit, war es aber lange nicht. Von Papierherstellung über Lettersetzung, Auflagen von Zensurbehörden und Kirche, bis hin zum Preis von Druckerschwärze – das war ein gigantischer Prozess, bis etwas dann wirklich gedruckt war. Worauf ich hinaus will: Wenn also der unwahrscheinliche Fall eingetreten ist, dass etwas nicht nur tatsächlich zum Druck gekommen ist, sondern darüber hinaus auch noch die Jahrhunderte bis heute überlebt hat, dann ist es aus meiner Perspektive sehr, sehr wahrscheinlich, dass es abertausende Gelüste und Ideen und Praktiken gab, die nie zu dem ausserordentlichen Ereignis eines “Drucks” gekommen sind. Obendrauf noch die sozialen Hürden: Wer konnte damals lesen und schreiben? Wer hatte soviel Geld, dass er sogar Geld dafür übrig hatte, Perversionen schriftlich oder grafisch festzuhalten? Wo es 1 historisches Zeugnis gibt, gibt es Hunderte andere nicht mehr bzw. konnte es sie nie geben. Mit dieser Brille sollen die folgenden Daten gelesen werden, dass diese fast unwahrscheinlichen Zeugnisse Indizien für eine viel breitere Bewegung sind, als die einzelnen Zeugnisse selbst.

… Etwa 1480 schreibt Pico della Mirandola in seinem Buch “Gegen die Astrologie” von einem Mann, der erregt wird durch Flogging. Ziemlich sicher das erste explizite Vorkommen eines Masochisten in der Literatur, das nicht hinter christlicher Entzückung oder anderen Codes versteckt ist.

… Um die Zeit startete die (brutale) Eroberung der anderen Kontinente durch die Europäer. Die Gebildete auf den Schiffen waren eifrige Tagebuchschreiber und so sind uns einige Sachen aus verlorenen Kulturen überliefert, deren eigene Überlieferungen von den Jahrhunderten ausgelöscht wurden. Am 5. Oktober 1513 schrieb Vasco Nunez de Bilbao von einem Dorf im heutigen Panama, in dem Männer in Crossdressing und gleichgeschlechtlicher Liebe lebten. Natürlich wird nur die Ermordung dieser Männer näher beschrieben und es ist sehr, sehr weit gegriffen, unsere Konzepte von Sexualität dort hinein zu lesen. Aber wer weiss, vielleicht hatte diese Zivilisation tatsächlich einen akzeptierten Zugang zu Crossdressing, mit Sicherheit einen anderen Zugang zu Geschlechtern und Geschlechterrollen – vielleicht aber hat das Nunez de Bilbao auch komplett falsch interpretiert. 1576 wurde dann in Brasilien auch das Umgekehrte entdeckt: Frauen, die sich als Männer kleiden und arbeiten und in homosexuellen Beziehungen sind.[1] In beiden Fällen ist es falsch, das als “Kink” zu lesen, aber gemäss den Berichten sind es Gesellschaften, die bezüglich Sexualität eine andere Norm lebten als Europa.

… Die 1566 geborene Heilige Maria Magdalena de Pazzi hat uns die erste Überlieferung von Wax-Play geschenkt. Natürlich alles im Kontext des Heilig-Seins, aber die Worte Ekstase und Auspeitschung kommen da so oft vor… Der Umgang mit Leiden wird natürlich nicht explizit sexualisiert, aber es ist willentlich zugefügt und führte zu “Entzückung” und “Ekstase”.

… Um 1590, vor also rund 500 Jahren schrieb John Davies in Epigramm 33 (In Francium)[2] die erste “klassische” Dominatrix Situation in der Literatur. Im kleinen Gedicht wird ein Mann beschrieben, der eine Sexarbeiterin aufsucht und der erst dann Lust empfindet, wenn sie ihn auspeitscht. Das ist ein Meilenstein. Wir können daraus einige Hypothesen aufstellen: Erstens, wenn es gewerblich geschieht, ist es sicherlich auch privat verbreitet. Zweitens, wenn es tatsächlich in ein Sammelband von Gedichten gedruckt wird, und selbst an der progressivsten Zäsur vorbeikommt, dann muss das zu einem gewissen Grad ein verbreitetes Phänomen sein. Eher unwahrscheinlich, dass Davies von der einzigen Sexarbeiterin, die das anbietet weiss und dem einzigen Freier, der diese Dienste aufsucht. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wenn es 1590 ein publiziertes Gedicht dazu gibt, gibt es wohl schon seit längerem diese Praxis in England der Renaissance.

… Die Darstellung von heiligen Männern und Frauen ging in der Renaissance erst recht durch die Decke und die Skulpturen, die uns bis heute erhalten sind, sind manchmal auch sehr “sexy”. Von vielen Künstlern (und Päpsten und Adligen, die es in Auftrag gegeben haben) sind uns deren Vorlieben für Kink und gleichgeschlechtliches Begehren überliefert. Ein beliebtes Subjekt ist der Heilige Sebastian, der an einen Baum festgebunden und von etlichen Pfeilen durchstossen zum Märtyrer wurde. Diese brachiale Hinrichtung wurde in der Kunst mehr und mehr tradiert in ein erotisches Bondage-Setting, wo ein junger hübscher Mann nahezu lustvoll leidet.[3]

… 1603 beginnt die Edo Epoche in Japan. Auch wenn heutiges Shibari in keinster Weise gleichzusetzen ist mit den Anfängen, werden die Wurzeln auf ”Hojojutsu” zurückgeführt, die Fesselung von Gefangenen aus der Sengoku Periode (1477-1573). Das ist per se eine heikle Genealogie. Wir haben bis jetzt auch nicht über mittelalterliche Folter, Unterdrückung oder Sklaverei geredet. Natürlich bedienen wir uns im konsensuellen Bereich Instrumenten und Techniken aus der Welt des Grauens. Aber was ohne Konsens geschieht, ist kein BDSM, sondern ein Verbrechen. Hojojutsu ist deswegen erwähnenswert, da es (trotz unsicherer Überlieferung) so aussieht, dass die Fesselungen von Gefangenen nicht nur pragmatisch, sondern auch sehr elaboriert waren. Das soll in keinster Weise die damaligen Kriegsverbrechen romantisieren, sondern ist ein Teilstück der Entwicklung des heutigen Shibaris. Aus der Edo Periode sind uns vermehrt Holzdrucke überliefert, die Hojojutsu zeigen und es wird an vielen Stellen darauf verwiesen, dass in den Rotlichtvierteln Seile eine Praxis wurden. Ebenso tauchten Seile in dem Kabuki Theater auf.

… Von 1674 ist ein alter Druck überliefert, auf dem eine junge Frau einen älteren Herren floggt. Das Setting ist eindeutig sexuell, entsprechend auch die darunter geschriebenen Verse, dass der Ausgepeitschte ohne den Schmerz nicht zur Erektion kommt.[4]

… 1712 wird der Schweizer Philosoph Rousseau geboren, der Zeit seines Lebens gespanked werden will, wie aus seinen Memoiren zu entnehmen ist. Ein Wunsch, den ihm nicht mal seine Domina-Partnerin erfüllte. Armer Kerl.

… 1718 wurde vermutlich der erste Club für Play Parties gegründet, der Londoner “Hellfire Club”. Vieles davon wurde lediglich als “Provokation” und als “Scherz gegen das Establishment” gelesen, aber wenn sich Männer und Frauen (gleichberechtigt) in Kostümen an Sonntagen treffen um “Venus und Bacchus” zu verehren, sexuelle Malereien an der Wand haben und das wenige, das an die Öffentlichkeit dringt, als “unmoralische Praktiken” verschrien wird, denke ich, wissen wir Kinksters genau, was dort lief.

… 1720 schreibt Dr. Martin Schurig in “Spermatologia historico-medico” über die Verwendung von Flogging und Auspeitschungen mit Brennnesseln in nüchtern-wissenschaftlicher Manier.[5] 

… 1748 wird “Fanny Hill” publiziert, ein bis heute bekannter erotischer Roman aus England, der etliche BDSM Praktiken beschreibt, vor allem SM. Im selben Jahr wird in Dänemark König Christian VII. geboren, der für seine Lust bekannt wurde, inklusive SM.

… 1770 wird “The Birchen Bouquet” veröffentlicht, eine Sammlung pornographischer Geschichten, in denen sich Frauen gegenseitig mit Birkenästen auspeitschen. Ebenso verbreitet waren damals die Cat-o-Nine-Flogger, zu denen die grossartige Anne O Nomis vor ein paar Jahren tiefer recherchiert hat (siehe Fussnote).[6] Angefangen vom oben genannten Gedicht von Mirandola aus 1480 wird mit den anderen Zeugnissen eine Sache klar: Die erste uns überlieferte Weitergabe von Wissen und Professionalisierung von Praktiken wurde eindeutig von Frauen vollzogen. Das ist einerseits in der patriarchalen Struktur der Gesellschaften begründet, was dazu führt, dass Männer Freier sind und Frauen die Dienstleister:innen, andererseits in der Genialität von hunderten namenlosen Sexarbeiter:innen, die voneinander das Handwerk der Dominatrix erlernt haben. Überspitzt formuliert: Die Ur-Form des Tops ist definitiv weiblich.

… Aber nichts destotrotz sind die Namensvetter natürlich männlich: 1785 startet mit “Die 120 Tage von Sodom” de Sade’s Schriftstellerei hinter Gittern und damit ist der Namensvetter des “Sadismus” gefunden. Marquis de Sade hat auch selbst ein ordentlich ausschweifendes und orgienreiches Leben geführt, wofür er dann auch im Knast landete. In seinen Büchern wie “Justine” oder “Juliette” hat er wilde, übertriebene pornographisch-philosophische Romane geschrieben, die nicht wirklich als BDSM zu bezeichnen sind, denn mit Konsens hat das meist nix zu tun. Auch hier wieder der Rückschluss: Wenn de Sade derart übertriebene Geschichten schreibt, wird er weder der Einzige gewesen sein, der so geschrieben hat und nicht der einzige Mensch gewesen sein, der so begehrt hat.

… 1788 schreibt der französische Arzt Francois Amedee Doppet die ersten Sicherheitshinweise zu Flogging und ist überzeugt, dass die Klitoris vor allem durch SM erregt wird. Dort beschreibt er auch, dass “einfache Leute vom Land” mit grosser Selbstverständlichkeit SM-Spielzeuge erkennen würden und benennen könnten, dass solche Peitschen Werkzeuge für die Lust sind. Dieser kleine Seitenkommentar ist noch wichtig. Der gibt uns vielleicht einen kleinen Einblick, wie verbreitet SM Praktiken in diesem Jahrhundert in Europa waren. Weil meist nur die Reichen und Gebildeten Zeugs aufgeschrieben haben, ist es schwieriger nachzuvollziehen, wie in den anderen gesellschaftlichen Schichten gespielt wurde. Dieser Kommentar von Doppelt ist der einzige mir bekannte Indikator, dass nicht nur die Oberschicht kinky gespielt hat.

… 1791 stirbt der tschechische Komponist Frantisek Koczwara bei einer Prostituierten in London, die ihn auf seinen Wunsch hin für erotische Asphyxiation erhängt. Eine Praxis, die er anscheinend schon häufig betrieben hat und dieses eine Mal ging’s schief. Die Prostituierte wurde im darauf folgenden Gerichtsprozess frei gesprochen.

… 1821 wird Fjodor Dostojewski geboren. Anhand der Liebesbriefe an seine Frau eindeutig ein Fussfetischist. Von Zeitgenossen wird er als der “russische Marquis de Sade” bezeichnet, was auf mehr vermuten lässt.

… 1828 lässt die britische Bordellbetreiberin Theresa Berkley das sogenannte “Berkley Horse” bauen – das erste uns erhalten gebliebene Sexmöbel.

… 1840 wird Krafft-Ebing geboren, der Professor für Psychiatrie in Zürich wurde. Seinem Blödsinn haben wir es zu verdanken, dass BDSM in Zusammenhang mit psychischer Erkrankung gesetzt wurde. BDSM als Sünde wurde abgelöst durch BDSM als Unsittlichkeit und das wiederum von Krafft-Ebing abgelöst durch BDSM als Geisteskrankheit. Er ist es dann auch, der die Begriffe “Sadismus” und “Masochismus” zum ersten Mal schriftlich festgehalten hat.

… 1869 erblickte der erste Vibrator das Licht der Welt!

… 1870 schrieb Leopold von Sacher-Masoch das kleine Buch “Venus im Pelz” und somit hätten wir auch den Namensvetter für den “Masochismus” gefunden. Die Domina in seinem Roman, so die gängige Interpretation, basierte auf einer Figur aus Sacher-Masochs echten Leben.

… 1887 wird der Begriff “Fetischismus” zum ersten Mal von dem französischen Psychiater Alfred Binet verwendet, um eine weitere psychische Krankheit für Kinksters zu erfinden.

… Gegen Ende des 19.Jahrhunderts erscheint das Magazin “Englishwoman Domestic’s Magazine”, das unzählige Briefe druckt, in denen Korsetts fetischisiert werden. Die Menge dieser Briefe sind ein klares Indiz, wie verbreitet Korsett als Fetisch war zu dieser Zeit In diesen Jahrzehnten werden auch Franz von Bayros, Aubrey Beardsley, Apollinaire, James Joyce, Emile Zola und Aleister Crowley geboren – alles Künstler, Schriftsteller und Philosophen, die in BDSM-Beziehungen lebten, in Briefen über diese phantasierten oder zeichneten. Es scheint, dass die viktorianische Zeit bzw. die Epoche des Jugendstils so sinnlich war, wie der Stil selbst.

… 1905 veröffentlicht Sigmund Freud seine “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, in denen er Sadismus und Masochismus als psychische Krankheiten abhandelt, die mit einer frühkindlichen Störung verbunden sind. Damit hat er die von Krafft-Ebing gestartete Perspektive auf BDSM nochmals verstärkt und dafür gesorgt, dass im kommenden Jahrhundert Kinksters weiter mit Stigma leben müssen. Erstaunlicherweise hat sich dieser Blödsinn auch in der Wissenschaft bis vor kurzem gehalten, hängt aber leider immer noch in etlichen Köpfen fest.


[1] https://www.psychologytoday.com/us/blog/sex-at-dawn/201008/the-prehistory-of-prop-8

[2] https://www.gutenberg.org/files/44978/44978-h/44978-h.htm

[3] https://www.theguardian.com/theguardian/2001/mar/31/weekend7.weekend

[4] https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1881-0611-320

[5] https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11410458?page=6,7

[6] https://historyofthedominatrix.com/blogs/blog/anne-o-nomis-research-on-cat-o-nine-tails-for-sky-tv-history-of-sex

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