Die Weltgeschichte des BDSM Teil 4: Die letzten hundert Jahre

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Jetzt, wo wir in unserem Zeitstrahl von unserer 42’000 Jahre dauernden Reise auf die letzten 100 Jahre zusteuern, werden die Verbindungen zu Heute offensichtlicher und eindeutiger.

Mit dem Aufkommen von Photographie und Film, geschweige denn Internet, den sich verändernden Gesetzen, Populärkultur und weltweit vernetzten Communities, hat sich unsere Welt der Perversionen extrem schnell entwickelt. Und da wir alle mit dem Internet verbunden sind und Teil dieser Community, empfehle ich Euch bei Interesse die älteren Kolleg:innen an den Stammtischen oder in den Sexshops nach den Entwicklungen der letzten vierzig Jahre persönlich zu befragen. Ich versuche nur die auffälligsten historischen Daten hier aufzuschreiben.

… 1909 Der japanische Künstler Ito Seiyu wurde 1882 geboren und seine reiche Schaffensperiode begann 1909, in der er vor allem gefesselte Frauen malte, was einen grossen Einfluss auf die japanische und westliche Shibari Szene nahm. Vor allem war er auch ein Forscher und Sammler älterer Zeugnisse von Shibari.

… 1918 startet die Veröffentlichung von “London Life”[1], ein ziemlich bemerkenswertes Magazin, dass erstaunlich unverblümt über Fetisch, BDSM und Sex berichtet. Nicht vergessen, 1918 sowas abzuziehen, ist erstaunlich. “Roaring Twenties” waren wohl wild, nichtsdestotrotz auch eine Zeit mit Zensur und Prüderie etc. “London Life” hat sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg gehalten.

… 1928 “European Fetish”. Wenn wir über die Historie von BDSM im heutigen Sinne reden, kommen wir nicht um Dr. Robert V. Bienvenu herum. Der Forscher identifiziert 3 Haupteinflüsse[2], die zum heutigen BDSM geführt haben, einer davon der “Europäische Fetisch”, den er um 1928 festmacht. Diese Strömung ist meist heterosexuell und ist fixiert auf industrielle Materialien wie PVC, Gummi, Metall und Leder. Durch Magazine wie “London Life” hatten die damaligen Kinksters Möglichkeiten zu connecten, Hersteller und Händler zu finden. Besonders die industrielle Verwendung von PVC und Gummi hat neue Fetische hervorgebracht, in Deutschland gab es einen Hype um Gummistiefel Kataloge und bestimmte Modelle von Regenmäntel.

… 1934 setzt Bienvenu den Beginn des “American Fetish” fest. In die Zeit zwischen den 30ern-60ern, geprägt von den europäischen Fetischist:innen, kamen einflussreiche Künstler:innen wie Betty Page, Irving Klaw oder John Willie aufs Trapez und gaben BDSM eine Identität. Amerikanische Comiczeichner haben mehr oder weniger unversteckt etliche Hinweise auf BDSM in weit verbreiteten Comics hinterlassen. Der Fall von “Wonder Woman” ist etwas bekannter, genauso deutlich sind Hinweise in den berühmten “X-Men” Comics. Mit dem Magazin “Bizarre” kriegt der amerikanische Fetisch ab 1946 eine wichtige Plattform.

… 1950 der dritte, wichtige Einfluss gemäss Bienvenu, sogenannt “Gay Leather” oder “Old Guard”. Die “Leathermen” waren zu Beginn Rückkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich in den USA in Motorradgangs organisiert und in “Leatherbars” getroffen haben. Kurz nach den “Leathermen” tauchten auch die “Leathergirls” auf und erschufen einflussreiche Vereinigungen für lesbische Kinksters.Mit Fetischisierung von Leder und hypermaskulinen Armeeuniformen war das der Kontext, in welchem so wichtige Konzepte wie “Safeword”, “SSC”, “Flagging” und “Aftercare” entwickelt und weiterentwickelt wurden. Dank grossartiger Männer wie Anthony De Blase (Herausgeber des “SandMutopian Guardian” und Erfinder der Leather Pride Flag), Larry Townsend (Leathermen’s Handbook) und Guy Baldwin (Old Guard History) hat modernes BDSM Rahmen, Sprache, Austausch, Community gekriegt. Der finnische Künstler Tom of Finland hat dazu die wohl einflussreichste Bebilderung erschaffen. Pissplay, Fisting, CNC, Verhör, Halsbänder für Subs, D/s Rituale, High Protocol und etliche andere uns heute beliebte Spielarten werden in diesen Kreisen teils erfunden und teils auf das bei uns heute verbreitete Niveau weiterentwickelt. Besonders die Organisation in Communities, Stammtischen und Munches ist heute untrennbar mit unserer BDSM Kultur verknüpft und all das nahm in diesen Kreisen den Anfang.

… 1947 das japanische Magazin “Kitan Club” wird monatlich veröffentlicht und wird zu einer der wichtigsten Plattformen von SM in Japan und ebenso Bondage. Shibari spielt historisch gesehen immer zwischen Sexarbeit, Fotografie und westlichem Orientalismus (der Fetischisierung japanischer Kultur durch den westlichen Blick). So brachte die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg japanisches Fesseln nach Amerika und Europa und umgekehrt wurde auch in Japan durch Magazine wie “Kitan Club” erotisches Fesseln populärer.

… 1951 wurde das “Recht auf sexuelle Selbstbestimmung” nicht in die UNO Charta der Menschenrechte aufgenommen.

… 1952 im Magazin “Kitan Club” wird zum ersten Mal der Begriff “Kinbaku” so definiert, wie wir ihn heute kennen und benutzen.

… 1954 erschien “Die Geschichte der O” von Anne Desclos. Der Roman ist deswegen ein wichtiger Punkt in unserer Geschichte, weil es keine auf SM fokussierte Erzählung ist, sondern eine mit Betonung auf D/s.

… 1966. Obwohl die Musik von “The Velvet Underground” weit verbreitet ist, wissen die wenigsten, was dahintersteckt. Andy Warhol gründete die Band und der Name stammt von einem SM Buch von Michael Leigh. Eine “Gegenbewegung” zu den Flowerpower Hippies.

… 1967 kommt der Film “Belle de Jour” von Bunuel raus. Der Film wird allgemein als einer der besten Filmen allerzeiten angesehen und ist ein… SM-Film. Nicht pornographisch, nicht immer Konsens, aber big time SM.

… 1969 wird an der Christopher Street in New York im Stonewall Inn ein Polizeieinsatz durchgeführt, der wieder einmal gegen Kinksters, Homosexuelle und Drags gerichtet ist – und diesmal kämpfen sie vereint zurück.[3] Die zweitägigen Proteste und Kämpfe gegen die Polizei sind ein Wendepunkt in der Geschichte des BDSM. Daraus entstehen Bewegungen wie die jährliche Pride und verstärkte politische Arbeit, die schliesslich zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Liebe in den USA führen wird zehn Jahre später. Die immer wieder aufkommende Frage, ob Kink an die Pride gehört, dürfte damit beantwortet sein. Bei den Stonewall Riots standen Kinksters und Drag Queens Seite an Seite und unsere heutigen Freiheiten verdanken wir auch in Europa diesen mutigen Menschen.

… 1971 wird in New York die Eulenspiegel Society gegründet (TES), 1974 gründet Cynthia Ann Slater die Society of Janus an der Westküste. Das sind die beiden einflussreichsten und wichtigsten “IGs” der amerikanischen Kinkster-Welt, die auch auf den Rest der Welt einen grossen Einfluss gekriegt haben durch Seminare, Workshops, Online Ressourcen und Playparties.

… Die 80er Jahre sind vom Ausbruch der AIDS Epidemie geprägt. Weil die Leathermen und Leathergirls hervorragend organisiert waren, hat die BDSM Gemeinschaft einen essentiellen Teil der Care Arbeit übernommen, die von damaligen Pflegeleuten, Sozialarbeiter:innen und Familien nicht geleistet wurden.

… 1983 wird der Slogan SSC zum ersten Mal verwendet von den New York Gay Male S/M Activists.

… 90er/00er Berühmte Namen der Shibari Szene wie Midori, Master K., Steve Osada veröffentlichen ihre ersten Bücher über Bondage und werden zu den vielleicht wichtigsten Vermittler:innen der “zweiten Generation” in den kommenden Jahrzehnten.

… Die 90er sind selbstredend von der rasend schnellen Verbreitung des Internets geprägt. 2003 wurde in Deutschland die Webseite sklavenzentrale gestartet, 2008 fetlife in Kanada.

… 1999 entwickelt die Eulenspiegel Society TES die Definition für RACK, als Weiterentwicklung von SSC.[4]

… 2002 wird die IG-BDSM gegründet! Jippieh!

… Ab 2011 erscheint die von Kinksters grösstenteils verabscheute Romanreihe “Shades of Grey” und ob wir wollen oder nicht, die hat entscheidend zur allgemeinen Akzeptanz und Verbreitung von BDSM beigetragen. Ähnlich wie die von der Szene viel positiver bewertete Komödie “Secretary” aus 2002.

… 2022 wird Fetisch, Sadismus und Masochismus nicht mehr in den Standardwerken für psychische Störungen als Störung beschrieben.

… Und heute liest DU diesen Blog.

Ich persönlich ziehe einige Erkenntnisse aus dieser langen Zeitreihe:

1) Auch wenn wir uns immer wieder ein bisschen als Outsiders fühlen, manchmal “falsch” oder “alleine” mit unserer Lust, sind wir offensichtlich nicht alleine. Wenn schon die frühesten Zeugnisse der Menschheit mit Kink verknüpft sind bei der Göttin Inanna, wenn schon in allen Jahrhunderten vor uns Kinksters ihren Weg gefunden haben gegen alle Widerstände ihr Leben zu Leben, ist es schon fast vermessen, uns als “lonely wolves” zu sehen. Wir könnten auch die gegenteilige Perspektive einnehmen und sagen, dass wir eine Tradition weiterführen und weiterentwickeln, die so alt ist, wie die Menschheit selbst und bei der berühmte Künstler:innen und prägende Menschen der Geschichte Teil davon sind.

2) Es gibt wohl immer Menschen, die unsere Freiheit so sehr beneiden, dass sie sie verbieten möchten. Von Sünde zu Unsittlichkeit zu psychischer Störung – es wird sicher wieder etwas Neues gefunden werden, um uns als “Nicht-Normal” zu bezeichnen.

3) Sobald wir unsere heutige Community in einen konkreten Zusammenhang stellen können mit unserer Vorgeschichte, also etwa ab 1950, fällt wieder einmal auf, wie unglaublich viel wir queeren und Transmenschen zu verdanken haben. Von Leathermen über Stonewall, von Spielpraktiken über Sicherheit, von Communitybildung bis zu Rollenverständnis – all die grossen Impulse kamen nicht aus der Hetero-Cis-Welt.

4) Da sich aus den verschiedensten Jahrhunderten auf allen Kontinenten Zeugnisse von kinky Menschen finden lassen, Zeugnisse, die nicht miteinander in einem Zusammenhang der Beeinflussung stehen, könnte man die These aufstellen, dass BDSM nicht nur “Kultur” ist, sondern vielleicht zum Menschsein dazugehört von “Natur” aus. Die Verbindung von Schmerz und Lust; Macht, Hingabe und Lust; Kontrolle, Disziplin und Lust, gehört vielleicht genauso zum Menschsein wie Atmen, Neugierde und Lachen.


[1] http://www.magforum.com/londonlifeindex.htm

[2] https://de.scribd.com/document/490365926/Bienvenu-1998-Dissertation-Abstract

[3] https://guides.loc.gov/lgbtq-studies/stonewall-era

[4] https://www.ig-bdsm.ch/ssc-und-rack-und-prick/

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