Konsens. Wir schauen uns zuerst ein paar Konsens Konzepte an und gehen dann darauf ein, wofür die IG-BDSM steht.
Zuerst mal die elende Sprache: In der angelsächsischen Kinkwelt spricht man von Consent. Bei uns führt das oft zu Unsicherheiten, ob man jetzt von Konsens oder Konsent reden soll. Im wundervollen Deutsch gibt es da tatsächlich einen feinen, kleinen, sprachlichen Unterschied. Konsens ist, wenn alle dafür sind. Konsent ist, wenn keiner dagegen ist. Ist doch das gleiche? Nicht unbedingt. Konsens will Widersprüche auflösen, da suchen wir also gemeinsam nach einer Lösung, einem Weg, einer Übereinkunft, bei der alle dafür sind. Bei Konsent sind wir OK, solange niemand “Nein” sagt, sprich kein Veto einlegt. Das heisst, wir finden die Abmachung oder die Idee vielleicht nicht grossartig, aber wollen auch nix blockieren. Also noch mal aufs Englische: Unser Konsens ist dort Consent, und deren Consensus ist unser Konsent. Wow, Danke Sprache. Sogesehen gehört Konsent eher in den Alltag und Konsens ist das, worüber wir uns in unserem Kontext unterhalten.
In unserer Welt des BDSM ist Konsens die Grundlage aller Aktivitäten. Aber was bedeutet Konsens genau? Wen erstaunt’s, da gibt es viele verschiedene Konzepte dazu und ich stell Euch mal ein paar der populärsten vor:
Nein heisst Nein: Ich machs kurz, das ist kein Konsenskonzept. “Nein heisst Nein” wurde in den letzten Jahren wegen der Reform des Sexualstrafrechts öffentlich breit diskutiert und von National- wie auch Ständerat gutgeheissen. Diese seltsame Sichtweise bedeutet, dass solange niemand explizit (also ausgesprochen) “Nein” sagt oder implizit “Nein” signalisiert oder nach “Nein” wirkt, ist alles paletti. Da zeigt sich, wie viele Lichtjahre die Kinkszene der Vanillawelt voraus ist. Für uns hat ein “Nein heisst Nein” Ansatz zwei fundamentale Probleme: Erstens löscht es die aktive Zustimmung als ein Akt der selbstbestimmten Sexualität aus. Als ob wir im Leben herum stolpern und uns Sexualität “passiert” und wir uns nicht für etwas entscheiden würden. Zweitens, und das macht mich einfach sauer, negiert dieser Ansatz, dass wir nicht immer “Nein” sagen oder “Nein” signalisieren können. Erst Recht wenn Gewalt stattfindet, wenn Angst da ist, wenn es eine Vertrauensperson ist, wenn eine Hierarchie da ist. Deswegen streichen wir dieses “Nein heisst Nein” aus den möglichen Konsens Konzepten einfach mal raus, während wir anerkennen, dass es gesamtgesellschaftlich betrachtet ein irrsinnig wichtiger Fortschritt ist.
Ja heisst Ja: Ein “Ja” zu geben fordert von uns selbst aktiv zu sein, selbstbestimmt, zu überlegen “will ich das?” Alle, die sich näher mit Konsens auseinandergesetzt haben, wären froh darum gewesen, wenn das ins Strafrecht gekommen wäre. Es ist “Nein heisst Nein” um Längen voraus. Ohne den “Ja heisst Ja” Ansatz etwas vertieft weiter zu denken, ist “Ja heisst Ja” für unsere Welt leider zu schwammig. Das Gespräch “Wollen wir miteinander spielen?”, “Ja!”, “OK, fangen wir an.” bringt uns eher zum Lachen, als dass es so wirklich zu unserer Realität passt.
Enthusiastischer Konsens: In vielen angelsächsischen BDSM-Kontexten hat sich das Konzept des “enthusiastischen Konsens” etabliert. Die Idee beruht darauf, ein “Ja” nicht einfach so hinzunehmen, sondern sich selbst zu hinterfragen, ob das Gegenüber das “Ja” wirklich auch begeistert und “von Herzen gegeben” hat. Das sollte allen die Sicherheit geben, dass man sich nicht in etwas reinreden lässt oder sich auf etwas einlässt, dass man nur so halbherzig will. Die Werte und das Menschenbild hinter diesem Konzept sind wunderschön. Für die Realität in unserer BDSM Welt sehen wir da aber etliche Hürden. Viele Spielformen, Spieldynamiken und auch Spielkontexte geben Enthusiasmus nicht so viel Raum. Jede:r Top wird misstrauisch, wenn dein Brat mit zuviel Enthusiasmus zu etwas “Ja” sagt. Abgesehen davon: Wir dürfen auch etwas 100% wollen, ohne enthusiastisch darüber zu sein. Das kann ein Teil einer grösseren Spielanlage sein, eine Aufmerksamkeit für unsere Spielpartner:in, oder sogar auch etwas, bei dem wir schon in der Verhandlung leiden wollen und möchten, dass es mit uns gemacht wird.
TEA: Das englische Wort für Tee verweist auf einen legendären Erklärfilm der britischen Polizei zum Thema Konsens. Mit Humor erklärt dieser Film anhand des “Tee Trinkens”, wie Konsens funktioniert und kommt unserer Auffassung am nächsten. Enjoy: Hier klicken.
FRIES: Eine lustige Abkürzung, die ausnahmsweise nicht Pommes Frites meint, sondern für Frei gegeben (Freely given), widerrufbar (reversible), informiert (informed), enthusiastisch (enthusiastic), spezifisch (specific) steht. Wir gehen im nächsten Absatz auf die einzelnen Punkte dieser Abkürzung ein, alles daran ist super, nur das Fragezeichen aus der kink-spezifischen Realität zu dem“enthusiastic” hält uns davon ab, Fritten zu promoten.
Kommen wir endlich dazu, was für einen Konsens die IG-BDSM vertritt und an unseren Newbie Infoanlässen unterrichtet. Wir haben uns dabei an der Realität der vielen verschiedenen Spieldynamiken unserer Welt orientiert, von Training mit Seilen über sexpositive Gruppenspiele bis zu 24/7 TPE Dynamiken. Egal wie ihr eure Dynamik gestaltet, irgendwo am Anfang muss eine Verhandlung stattfinden. Grundsätzlich vertreten wir die Haltung “Ja heisst Ja” mit ein paar Bedingungen. Wir nennen es den KAFFI-Konsens (Konsensfähig, Ausdrücklich, Frei, Fortlaufend, Informiert.
- Konsensfähig. Um überhaupt ein “Ja” geben zu können, müssen wir urteilen können, also fähig sein zum Konsens. Das sind wir beispielsweise ja nicht wirklich, wenn wir sturzbetrunken sind, in irgendeiner Art von Delirium stecken, extrem übermüdet, ohnmächtig oder in sonst einem Ausnahmezustand sind. An dieser Stelle können wir der Vollständigkeitshalber erwähnen: Minderjährige oder Tiere zählen in dem Zusammenhang als nicht urteilsfähig.
- Spezifisch (Ausdrücklich). Konsens muss so spezifisch sein, wie ihr das braucht. Manchen reicht ein “Schläge? Ja!”, andere möchten spezifizieren, ob sich das auf “Flogger auf Hintern” oder auf “Ohrfeige” bezieht oder beides. Reicht Dir ein Ja/Nein zu Penetration, oder macht es für Dich mehr Sinn, das auf oral, anal, vaginal zu spezifizieren? Welchen Grad der Spezifizierung du brauchst, entscheidest du. Es ist deine Verantwortung, genau das mit deinem Gegenüber in einer Verhandlung zu teilen. Spezifisch hat auch noch eine weitere Dimension: Die von Zeit und Ort. Ich kann Dir den Konsens geben, dass wir heute hier an der Playplarty dieses Impact Play machen. Aber wenn du morgen mit einem Strahlen im Gesicht bei mir auf der Arbeit auftauchst und sagst, “Let’s go”, hast du was Grundlegendes über Konsens nicht verstanden.
- Frei. Konsens wird frei gegeben. Unter Zwang, Druck, Angst, Androhung von Repression oder sonst irgendwelchen manipulativen Sachen ist Konsens nicht frei und somit kein Konsens.
- Fortlaufend verhandeln. Wenn ein Ja gefunden wurde, meint das nicht, dass der Konsensprozess damit beendet ist – sondern dieser Prozess ist fortlaufend. Jeder Konsens gilt immer nur solange, bis er nicht mehr gilt. Egal wie viele Wochen wir uns auf die Session gefreut haben, egal was wir uns alles im Voraus zugesagt haben, sobald jemand dann sagt “Hm, eigentlich doch nicht”, war’s das mit dem Konsens. Widerrufbar meint natürlich nicht “rückwirkend widerrufbar”, sondern widerrufbar bis er widerrufen ist. Hier tut sich bei vielen im Kopf ein elementarer Punkt auf: Manche mögen denken “Aha, wenn Konsens fortlaufend ist, dann gilt er quasi für immer, weil da steht ja fortlaufend.” Aus der Perspektive ist der Konsens etwas Statisches, das fortlaufend bestehen bleibt. Konsens aber ist von Haus aus ein Prozess, da ist nix statisch. Fortlaufend aus dieser Perspektive meint, Konsens kommt nie zum Stillstand. Falls man jetzt sagen möchte: “Ja gut, aber dann kann ich mich ja nie drauf verlassen, dass ein Ja ein Ja bleibt?” dann antworte ich dir aus voller Brust “Genau! Das ist der Punkt!” Bleib an deinem Gegenüber dran. Konsens ist Konsensfindung, und da wir keine Maschinen sind, hört das nie auf. Zu jedem Zeitpunkt, in jeder Situation, in jedem Spiel, darf jede:r sagen “Ne, Moment mal, ich will das nicht.” und für sich überprüfen, ob das gerade noch passt oder nicht.
- Informiert. Wenn wir keine Ahnung haben, worüber wir reden, ist es nicht so wirklich machbar, “Ja” zu sagen. Damit meinen wir nicht, dass jedes Detail abgesprochen sein muss, Überraschungen böse sind oder wir vorgängig zwischen Berührungen an der linken Hand und der rechten Hand unterscheiden müssen. Wenn ich Dir CBT mit viktorianischem Nettling und analem Figging vorschlage und du keinen Schimmer hast, was ich gerade gesagt habe, darf man auch einfach nochmals in einfacherem Deutsch darüber reden. Informiert darf auch bedeuten, dass man sich absichtlich auf Überraschungen einlässt, oder dass ein “Nein” oder “Stopp” nicht gelten soll, oder umgekehrt alles OK ist, bis ein “Nein” kommt etc. Der Punkt ist, dass wir eine informierte Entscheidung treffen, also wissen, worauf wir uns einlassen, selbst dann, wenn wir uns dazu entscheiden, es absichtlich nicht wissen zu wollen. Der wichtigste Punkt bei “informiert” meint: Wir wissen, auf was für Risiken wir uns einlassen. Nichts in unserer Welt ist frei von Risiken. Und es ist sinnvoll, nicht so zu tun, als ob eh nichts schief gehen könnte, sondern sich über die Risiken zu informieren und zu wissen, wie wir damit umgehen, wenn dieses oder jenes dann eben doch schief geht. Und vor allem: Informiert zu sein und anzuerkennen, dass es Risiken gibt.
- Safeword/Safesign: Auch im härtesten Tunnelspiel, der brutalsten Entführung, dem deftigsten No-Limits-CNC, oder der radikalsten 24/7 Abmachung empfehlen wir euch, mit Safeword und Safesign zu spielen. Das ist nicht als Bedingung für Konsens gemeint, sondern als warmherzige Empfehlung aus der kollektiven Erfahrung abertausend erfahrener Kinksters. Egal wie klug du bist, egal wie gut du dich und dein Gegenüber kennst, du wirst nie alle erdenklichen unerwarteten Möglichkeiten von körperlichen, psychischen, emotionalen oder mentalen Hickups einberechnen können. Gib Dir und deinem Gegenüber die Sicherheit des Safewords.
Wir glauben daran, dass wir mit diesem Ansatz ein Konzept von Konsens vertreten, dass der Realität unserer Szene gerecht wird, auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung setzt und einen Rahmen für glückliches BDSM ermöglicht.
Und wer mehr über SSC, RACK und PRICK lernen will, findet in diesem Blog mehr.

