Konsens-Kompetenz: Risikobereitschaft

Konsens ist die Basis von allem BDSM, da sind sich alle einig. Da sich jeder Kinkster damit befasst, sind wir so etwas wie Experten darin, erst recht im Vergleich zu anderen Teilen der Bevölkerung. 

Konsens ist Einigkeit darüber zu erleben, zu tun, zu unterlassen. Konsens wird durch eine Absprache geschaffen. 

Im vertieften Austausch mit anderen Kinkstern wird deutlich, dass oft weitere Erwartungen und Bedingungen an das Wort Konsens geknüpft werden, ohne diese genau definiert zu haben: 

Wie detailliert soll eine Session besprochen und geplant werden? Was sind die Risiken und kennt man diese überhaupt? Wie lange gilt dieser Konsens und was passiert nach der Session?
An diesem Punkt haben wir noch nicht einmal angeschnitten, was das Wort “sexuell” für alle Beteiligten bedeutet, haben Neurodivergenzen aussen vor gelassen, nichts von Privilegien erwähnt, wie auch viele weitere Aspekte, die in unsere persönliche Definition von Konsens einfliessen können oder diesen beeinflussen. 

Es wird also deutlich, dass das Thema Konsens unheimlich vielschichtig und individuell ist. Das ist auch gut so, erst recht, wenn wir uns dessen bewusst sind und dementsprechend handeln. Ich möchte in diesem und dem nächsten Blog einige Dinge aufführen, die helfen können, dieses Verständnis zu vertiefen. In diesem Teil wird die Risikobereitschaft im Zentrum stehen, im nächsten Teil möchte ich einige Themen anschneiden, die nach meiner Meinung nicht immer Konsens betreffen, aber dennoch für mehr Klarheit sorgen sollen im Umgang damit.

Risikobereitschaft
Die Bereitschaft Risiken einzugehen sollte sich in der Risikokompetenz wie auch der Absprachetiefe wiederspiegeln. Wer so wenig Risiken wie möglich eingehen möchte, benötigt Verständnis, um diese Risiken auch zu kennen. Dieses Wissen muss man sich erarbeiten, durch Selbststudium und/oder Austausch mit erfahrenen Personen. Wer diesen Aufwand nicht selbst auf sich nimmt, erhöht das gemeinsame Risiko, die eigene Risikokompetenz bleibt somit tief.

Dies kann durch die Absprachetiefe abgefedert werden, einerseits, weil die zusätzlichen Risiken durch Missverständnisse und unterschiedliche Erwartungen vermindert werden, andererseits, weil durch ausführliche Absprachen auch Risiken angesprochen werden und so die Risikokompetenz gleichzeitig erhöht wird.

Absprachetiefe 

Wie genau eine Session oder eine Dynamik abgesprochen werden muss, bleibt komplett den Beteiligten überlassen. Es ist möglich, mit wenigen Worten oder gar Gesten zu einem Einverständnis zu kommen. Genauso kann man jedes Detail akribisch durchplanen und besprechen. Es gibt keinen richtigen Weg, wichtig ist aber, dass alle Beteiligten zufrieden sind mit der Absprachetiefe. Gerade wenn die Bedürfnisse unterschiedlich sind, empfiehlt sich somit eine detaillierte Absprache um der Person mit dem grösseren Bedarf gerecht zu werden.  

Vage Besprechungen führen zu sehr viel Freiheit, lassen Raum für spontane Einfälle und können zu unerwarteten Erfahrungen führen. Sie erfordern sehr viel Aufmerksamkeit und Empathie, um sich und das Gegenüber stets bestmöglich lesen und dementsprechend handeln zu können. Dies erhöht gleichzeitig das Risiko für Missverständnisse und von unterschiedlichen Erwartungen. 

Es ist sehr hilfreich, wenn das Vertrauen besteht, dass Bedenken, Zweifel und Grenzen in jedem Augenblick, auch während einer Session, mitgeteilt werden können (und mitgeteilt werden). Wenn sich alle Beteiligten dem Risiko bewusst sind, spricht nichts gegen eine rudimentäre Konsensfindung. 

Detaillierte Besprechungen geben sehr viel Sicherheit über Erwartungen und Absichten. Überraschungen werden weitestmöglich ausgeschlossen und alle Beteiligten haben eine klare Vorstellung, worauf sie sich einlassen. Dadurch sinkt die Möglichkeit, flexibel auf unerwartete Bedürfnisse oder Empfindungen zu reagieren und Sessions müssen allenfalls beendet werden, falls sie nicht ohne neue Absprache angepasst werden können. 

Durch detaillierte Besprechungen kann die Risikokompetenz aller Beteiligten erhöht werden.

Zum Zeitpunkt der Absprache sei hier noch erwähnt, dass in jedem Augenblick Erfahrungen neu verhandelt oder Grenzen neu gesetzt werden können. Grenzen während einer Session aufzulösen oder aufzuweichen, birgt aber ein grosses Risiko, selbst wenn zuvor schon darüber geredet wurde. Hormone und Leidenschaft können zu Entscheidungen führen, die man nüchtern nicht treffen und später bereuen könnte. Wenn man dieses Risiko eingehen möchte, dann sollten nur die eigenen Grenzen während einer Session in Frage gestellt werden und nicht die vom Gegenüber. 

Sollte man es bereuen, während einer Session eine eigene Grenze verschoben zu haben, kann dies zu ernsten und langwierigen emotionalen Folgen führen, ich kann diesen Punkt deshalb nicht genug betonen. 

Risikokompetenz

Das ganze Leben birgt Risiken und je besser man über diese Bescheid weiss, desto bewusster kann man entscheiden, ob man sie eingehen möchte. Dies betrifft auch sämtliche Handlungen im BDSM-Bereich, wir treffen auf körperliche, psychische bis hin zu gesellschaftlichen Risiken. 

Manche Gefahren und deren Konsequenzen sind sehr offensichtlich. Viele Handlungen und Techniken erfordern aber das Aneignen von Wissen und Fertigkeiten, um diese verantwortungsbewusst ausführen zu können. 

Wie weit man sich mit einem Thema befassen möchte, bleibt dem Individuum überlassen, doch Unwissenheit schützt nicht vor Konsequenzen. Fahrlässiges Handeln kann Menschen verletzen. 

Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Risiken bedeutet, dass bekannte Risiken allen Beteiligten zur Zufriedenheit aller Beteiligten  verfügbar gemacht werden, insbesondere der Person, welche diese Gefahren eingeht. Natürlich schützt Wissen nicht vor möglichen Konsequenzen, doch das Wissen um diese trägt dazu bei, bewusste Entscheidungen treffen zu können und bringt einen bewussteren Umgang mit sich.

Auch wenn es offensichtlich scheint, erwähne ich an dieser Stelle dennoch, dass ein Verständnis für ein Risiko nicht automatisch das Risiko verkleinert. Viele Skills müssen erarbeitet, trainiert und ausreichend verfeinert werden bevor sie in einer Session zum Einsatz kommen können.

Die Illusion der Sicherheit

Unabhängig davon, wie gut man eine Technik beherrscht, wie tief man sich mit allen erkennbaren physischen und auch psychischen Risiken auseinandersetzt, stets bleibt ein unbestimmbares Restrisiko.
Die Empfehlung, dies anzuerkennen, ist keine philosophische Spielerei. Wer stets im Hinterkopf hat, dass selbst der beste Plan schiefgehen kann, oder dass Dinge sich anders anfühlen können als erwartet, kann allenfalls besser mit dem Unerwarteten umgehen. 

Umgekehrt hat ein Mensch, der sich absolut sicher fühlt, nicht nur die Konsequenzen eines Unfalls zu bewältigen. Zusätzlich kann das Vertrauen in sein Gegenüber verletzt werden. Was aber noch schwerwiegender sein mag, ist das verlorene Vertrauen sich selbst gegenüber, sich in eine unerwartete Gefahr gebracht zu haben.

Dies kann emotional viel schwerwiegender sein als der Unfall selbst und sollte sensibel aufgearbeitet werden. Das kann ein Prozess über mehrere Schritte sein, welcher über für alle Beteiligten angemessene Aftercare hinausgeht. Eine spätere und objektive Rekonstruktion kann helfen, das verlorene Vertrauen durch Verständnis wieder aufzubauen. Kommunikation aus der Ich-Perspektive kann helfen, die gemeinsame Verbindung wieder zu stärken und nicht in eine Schuldspirale zu verfallen. 

Und da es nicht genug erwähnt werden kann, Gefühle verlangen Anerkennung. Selbst wenn man erkennt, dass diese nicht rational gerechtfertigt sind, hilft es, darüber zu reden. In einem Umfeld, das sich so intim und verletzlich zeigt und damit spielt, sollte es möglich sein sich sowohl über Verstehen wie auch über das Fühlen zu unterhalten.

Und hier noch eine Spielerei meinerseits ein Spektrum aufzuzeichnen, welches zu einem grossen Teil zu diesem Blogeintrag geführt hat:

Mehr dazu auch in unseren anderen beiden Konsens-Blogs:

Haben wir Konsent über Konsens?

Konsens-Kompetenz: Risikobereitschaft

Konsens-Kompetenz 2

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