Konsens-Kompetenz
Im vertieften Austausch mit anderen Kinkstern über das Thema Konsens wird deutlich, dass oft Erwartungen und Bedingungen daran geknüpft werden, ohne diese genau zu definieren.
Das Thema Konsens ist unheimlich vielschichtig und individuell. Das ist auch gut so, erst recht wenn wir uns dessen bewusst sind und dementsprechend handeln. Mit diesem Schreiben möchte ich darauf eingehen, dass viele Themen auf das Empfinden von Konsens einen Einfluss haben. Durch Differenzierung möchte ich dazu beitragen, Verständnis zu erhöhen und so Situationen mit daraus resultierenden Entscheidungen zu vereinfachen. Ausserdem möchte ich einige Themen anschneiden, die meiner Meinung nach nicht Konsens betreffen, aber dennoch für mehr Klarheit sorgen sollen.
Mehr dazu auch in unseren anderen beiden Konsens-Blogs:
Haben wir Konsent über Konsens?
Konsens-Kompetenz: Risikobereitschaft
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Konsens – im Idealfall
In den meisten Fällen ist es eine Erfolgsstory voller Leidenschaft und spannender Erfahrungen, man bespricht sich in ausreichendem Mass, hat eine tolle Session zusammen die den Erwartungen entspricht, geniesst die gemeinsame Aftercare wie vorgesehen, bespricht sich später was für positive und negative Spuren zurückbleiben und würdigt oder zelebriert diese auf angemessene Weise.
Konsens Und Integrität
(von Übergriff & Konsensverletzung)
Integrität bezeichnet die Unversehrtheit eines Menschen in Körper, Psyche und Selbstbestimmung. Konsens ist unser Mittel, um die Grenzen unserer Integrität zu schützen. Dieser muss aktiv hergestellt werden.
Um zusammen BDSM ausleben zu können, muss man also in irgendeiner Form ein Einverständnis erzielen, um einen gemeinsamen Konsens zu haben. Werden Grenzen verletzt, bevor dieser hergestellt ist, handelt es sich meiner Ansicht nach nicht um eine Konsens Verletzung, sondern um einen Übergriff ohne Konsens. Diese Unterscheidung erscheint mir wertvoll und zeigt, wie zentral für uns die Handlung “Konsensfindung” ist.
Es gibt Orte und Communities, wo spezifische Formen von Konsens vorausgesetzt werden und somit mit dem Eintritt zugestimmt wird, sich an diese Formen von Konsensfindung zu halten und aktiv um seine Grenzen besorgt ist. Es ist sehr wichtig, solche Regeln wahrzunehmen und sich deren Bedeutung klarzuwerden.
Beispielsweise gibt es in der Schweiz Events, wo Konsens nach FRIES (siehe auch unseren ersten Konsens-Blog) vorausgesetzt wird. Auch die Unterschiede zwischen Swinger-, und BDSM-Events sind ein gutes Beispiel für unterschiedliche Konsensregeln, bei Swinger Events ist es normal, Menschen zur Kontaktaufnahme zu berühren, bei unseren BDSM Events ist erst Kommunikation auf anderen Ebenen (verbal, mindestens Augenkontakt) angebracht.
Nichtiger Konsens
(Täuschung & Rückwirkender Konsensentzug)
Es heisst stets, dass Konsens jederzeit entzogen werden kann. Das ist grundsätzlich korrekt, mit dem wichtigen Hinweis, dass Konsens nicht rückwirkend entzogen werden kann. Konsens kann in jedem Augenblick sofort entzogen werden, doch einer besprochenen und wie geplant durchgeführten Abmachung rückwirkend den Konsens zu entziehen, ist nicht möglich.
Wenn sich allerdings herausstellt, dass in einem Konsens Austausch absichtlich Tatsachen falsch dargestellt wurden um diesen zu erzielen (eigene Skills massiv besser dargestellt / unter Druck setzen oder Handlungen als selbstverständlich und normal dargestellt (Bsp.“eine richtige Sklavin tut XY”)), wird der Konsens meiner Einschätzung nach nichtig, also gab es den Konsens faktisch nie.
Die Konsequenzen einer solchen Handlung werden in diesem Blog nicht abgedeckt, können aber von emotionalem Schaden bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung gehen.
An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Personen mit grosser Erfahrung, insbesondere wenn sie Leitungsfunktionen in der Szene haben, besondere Aufmerksamkeit zukommt. Es empfiehlt sich ein ausführlicher und möglichst transparenter Konsensaustausch – sowohl von Seiten der Organisierenden als auch von Menschen, die mit ihnen kinky Begegnungen eingehen. Dies gilt umso mehr, wenn die Beteiligten über sehr unterschiedliche Erfahrungs- oder Wissensstände verfügen. Dabei können insbesondere Erwartungen, Grenzen, Safewords und die Möglichkeit, eine Begegnung jederzeit ohne Nachteile abzubrechen oder abzulehnen, ausdrücklich besprochen werden. Auch kann nicht genug oft erwähnt werden, dass Neulinge ermutigt werden dürfen auf ihre eigene Wahrnehmung zu vertrauen um möglichst früh einem „dieser Mensch ist erfahren, also weiss XY was gut für mich ist“ entgegenzuwirken.
Dies sollte Neulingen helfen, Entscheidungen bewusster und informierter zu treffen – gerade angesichts des nachvollziehbaren Reizes, wachsende Sehnsüchte mit erfahrenen Personen auszuloten. Gleichzeitig soll es Leitungspersonen und anderen Personen in verantwortlichen Funktionen dabei helfen, ihre besondere Rolle zu reflektieren und zu vermeiden, dass durch Missverständnisse, unausgesprochene Erwartungen oder bestehende Machtgefälle Menschen verletzt werden.
Bereuter Konsens
Je länger man BDSM macht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Session nicht so verläuft wie erhofft, oder Nachwirkungen aufkommen, die ungewollt und nicht absehbar waren. Dies kann ganz unabhängig davon passieren, wie detailliert man eine Session geplant hat. Selbst wenn es während einer Session keinerlei Bedenken gab, kann das zu unangenehmen Emotionen und Verwirrung führen. Man zweifelt an der eigenen Urteilsfähigkeit, wird von Scham oder Wut verfolgt und kann diese Gefühle nicht kanalisieren. Man fühlt sich vielleicht von seinem Gegenüber betrogen, kann aber den Betrug nicht genau benennen. Allenfalls hat man sich einfach getäuscht und eine Szene hat sich anders angefühlt als erhofft oder wurde in einer anderen Dynamik erlebt als erwartet.
Gefühle benötigen Anerkennung – selbst wenn man rational erkennt, dass diese nicht berechtigt sein sollten. Es ist sehr schwer, dies aufzulösen, ohne mit jemandem darüber zu reden, vorzugsweise natürlich den/die partner in crime.
Dabei auf Kommunikationsregeln zu achten (ich Botschaften etc.) kann helfen, nicht in eine Schuld- und Rechtfertigungs-Spirale zu geraten. Dies ist besonders hilfreich, um auf Augenhöhe zu analysieren, wie diese Nachwirkungen entstanden sind, und um sie anzuerkennen und aufzuarbeiten.
Hier sind alle Beteiligten gefordert, im Austausch nicht weitere Verletzungen zuzufügen, Botschaften neutral zu formulieren und zu hinterfragen, was die Botschaften des Gegenübers genau aussagen.
Missverständnisse und mangelhafte Kommunikation
Ähnlich verhält es sich bei Missverständnissen, falsch interpretierten Signalen oder generell mangelhafter Kommunikation. Wir sind alle nicht perfekt und Kommunikation ist eine hohe Kunst, die geübt und entwickelt werden möchte. Es kommt vor, dass Dinge besprochen werden, aber die bestehenden Erwartungen über deren Bedeutung nicht klar sind oder gar auseinandergehen. Dies realisiert man vielleicht erst im Augenblick der Umsetzung und es kann schwer fallen, genau herauszufiltern, was genau zu dieser Unstimmigkeit geführt hat. Das können Nuancen in der Betonung von Szenen sein, in der Art der Dynamik oder dem Setting der Session geschuldet sein. Das kann auch vorkommen, wenn der Inhalt sehr genau der Vorbesprechung beider entsprochen hat.
Reflektion und offene, objektive Kommunikation können hier Erkenntnisse und Verständnis für sich und das Gegenüber schaffen. Erneut gilt es, die Gefühle aller Beteiligten anzuerkennen, selbst wenn diese nicht rational nachvollziehbar scheinen.
Sollte man regelmässig solche Erfahrungen erleben, selbst bei wechselndem Gegenüber, empfiehlt es sich an, die eigenen Kommunikationsskills zu hinterfragen, die Absprachetiefe in Zukunft zu erhöhen oder nach anderen Mustern zu suchen die diese Erfahrungen sabotieren könnten.
Unfälle und Verletzungen
Selbst wenn wir BDSM so sicher gestalten, wie es uns möglich ist, das Risiko von Unfällen bleibt trotzdem bestehen. Wer bewusst gemeinsam Risiken eingeht, trägt auch gemeinsam Verantwortung für deren Folgen – im Rahmen dessen, was für alle nachvollziehbar und beeinflussbar war. Reflektion ohne Schuldzuweisung ist hier der Schlüssel zur gemeinsamen Entwicklung (Was ist passiert? Wurde etwas übersehen?).
Im Augenblick eines Unfalls gilt es, weiteren Schaden zu vermeiden und je nach Situation die Session abzubrechen, diese kontrolliert und ohne Umwege zu beenden und sich auf die Versorgung von Verletzungen zu konzentrieren. Hier sei bemerkt, wenn keine körperlichen Verletzungen vorhanden sind, kann es emotional die bessere Option sein, eine Session nicht komplett abzubrechen, sondern sie in angemessener Zeit zu beenden. Es kommt vor, dass ein sofortiger Abbruch zu einer Vielzahl negativer Emotionen führt, welche den Schock über das Erlebnis intensivieren und nur sehr schwer wieder aufgelöst werden können.
Nach einer Session mit einem Unfall gilt es sowohl körperliche Folgen angemessen zu versorgen, wie auch emotional Nachsorge zu betreiben und Nachwirkungen wie Stress, Scham oder Schuldgefühle (aller Beteiligten) anzuerkennen und bestmöglich aufzufangen. Je nach Ernst der Situation rät es, sich hier Fachpersonen zu Rate zu ziehen, oftmals kommen Reaktionen und Nachwirkungen verzögert auf, weshalb ein wiederholter Kontakt wie auch Zeit um für sich zu reflektieren in den nächsten Tagen ratsam und heilsam sein kann.
Selbst wenn sowohl körperlich als auch emotional alle Nachwirkungen versorgt und vermeintlich geheilt sind, gilt es, sofern man sich wieder in solche Situationen begeben möchte, aufmerksam zu sein ob Ängste, Unsicherheit oder gar Vertrauensfragen mit in die neue Session genommen werden. Es hilft, gemeinsam Schritt für Schritt wieder Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen und dies mit der nötigen Geduld zu tun. Vertrauensbildend wäre an dieser Stelle natürlich, wenn man eine gewisse Lernfähigkeit beweist und zukünftige Risiken besser vorbeugt.
Konsens ist ein zentrales Thema für jeden Menschen in der BDSM-Szene und es lohnt sich ein Gespür dafür zu entwickeln, wie die eigene Vorstellung davon sich allenfalls von derer des Gegenübers unterscheidet. So schafft man Verständnis, welches für mehr Sicherheit und bessere Begegnungen sorgt. Ausserdem hilft dieses Verständnis auch dabei, im Vanilla Alltag seine Integrität zu wahren und sein Umfeld besser zu verstehen.
Ich hoffe, mit diesem Text etwas dazu beitragen zu können.
pleasetease

