Seien wir ehrlich, das Leben kann schon ne Zumutung sein. 2-Faktor Authentifizierungen wenn man sich in die banalste App einloggt; Dokumente der Pensionskasse lesen; Anstehen an der Post und sich fühlen wie im willkürlichsten Gemischtwarenladen der Weltgeschichte; überteuerte Haushaltsmaschinen ersetzen müssen, weil sie eine Sollbruchstelle haben und nicht für Reparatur gebaut sind; gefühlt alle 2 Tage diese unfreiwilligen Softwareupdates – Alltag wirkt nicht wirklich danach, als ob Menschen fähig zu Lust wären. Aber machen wir das noch ein bisschen grösser: Stress bei der Arbeit, Erwartungen der Familie, Bedürfnisse der Kinder, Verpflichtungen in der Nachbarschaft, Druck von Kunden, Druck von Vorgesetzten, Druck von Partner:in, Druck aus dem Selbstbild. Und ausgerechnet da obendrauf packen wir jetzt noch eine BDSM Dynamik, die in all dem existieren soll. Help!?
Auch wenn es manchmal ein Ding der statistischen Unmöglichkeit zu sein scheint, einen passenden Menschen für eine Dynamik zu finden, ist es meistens einfacher, den Beginn einer Dynamik zu gestalten, als deren Fortgang im Alltagsgetümmel aufrecht zu erhalten. Warum? Keine Ahnung. Ich schiebe es auf die Glückshormone und die Aufregungsmoleküle, die im “Anfangen” jedes Gefühl für Alltag erfolgreich auf wegdämmen. Aber das interessiert den Alltag nicht, der wälzt sich wie zähflüssige Molasse früher oder später wieder über diese Hormone und Moleküle hinweg, da gibt’s kein Entkommen. Das “ins Spielen kommen”, das Aufrechterhalten von Ritualen und Abmachungen, manchmal nur schon Aufmerksamkeit, was zu Beginn der Dynamik noch eine Selbstverständlichkeit war, wird plötzlich schwierig. Kann man jetzt auch niemandem einen Vorwurf machen, wenn man sich nicht mehr so in Spiellaune fühlt, nachdem man kein Wort im kleingedruckten Pensionskassendokument versteht, während der Geschirrspüler kaputt geht, die Geschirrspülerapp ein neues Passwort verlangt ohne dass man jemals wusste, dass man überhaupt eine Geschirrspülerapp hat oder deren Zweck einem einleuchtet, kurz bevor man den viel zu lange herausgeschobenen Besuch bei den Eltern anpackt und sich schon mental auf die immergleichen stillen Vorwürfe einstellt, beim Anziehen kaum noch in die Hose passt und dabei die Ablage mit den unbezahlten Rechnungen erblickt und die dritte sinnlose Mail von der Chefin innert ebensovielen Minuten reinkommt – jetzt noch Dynamikzeugs? Hör mir auf.
Deswegen, hier 5 ziemlich einfache Tipps, wie sich Eure Dynamik gegen die Alltagswalze durchsetzen kann. Dabei ziele ich nicht auf eure Rituale oder Spieleinstiege ab, das ist an euch, die aufrechtzuerhalten. Sondern wie ihr es euch einfacher machen könnt, wie ihr den Boden dafür bereiten könnt, trotz Alltag den Einstieg ins Spielen zu finden:
1 – Mikro-Momente
Nur zu gerne würde ich jetzt ausholen und eine mehrseitige philosophische Abhandlung hinschreiben, wie unsere Gesellschaft Aufmerksamkeit absichtlich zersetzt und wie sich das auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt, aber ich belasse es bei der Aussage: Aufmerksamkeit ist geil. Und ich meine jetzt nicht die grossen Gesten oder drei Wochen Urlaub ohne Handy, ich meine Mikro-Momente. Das ist einfach und das ist wahnsinnig mächtig. Sich bei der Begrüssung oder Verabschiedung absichtlich lange Umarmen, eine halbe Minute oder so, ohne dass das sofort zu einem Spiel führen soll, sondern nur absichtsvoll sich diese Aufmerksamkeit für Nähe und Körper schenken. Oder sich ebenso lange bei einer Begrüssung in die Augen schauen, absichtlich schweigend. Beim vom A-nach-B-Kommen, gehetzt oder entspannt, die Hand auf den Nacken des Subs legen falls das eure Dynamik zulässt. Gegen Mikromomente der Aufmerksamkeit hat das Alltagszeugs keine Chance. Sie erschaffen eine Atmosphäre von Präsenz und Zugehörigkeit. Auf so einem Boden lässt es sich viel leichter ins Spielen kommen.
2 – Liebe auf die Brücken tun
Was zwischen dem einen und dem nächsten Moment steht, zwischen dem einen Termin und dem anderen, zwischen dem Ende der einen Sache und dem Anfang der anderen, dieses “Zwischen” ist das unterschätzte Wunderkind des Alltags. Nichts lässt sich leichter mit Bedeutung aufladen und ritualisieren. Das ist auch keine neue Erfindung unserer Kink-Kultur, das findet sich weltweit überall: In den Häusern Japans hat es einen Vorraum vor dem Raum den man betrifft, um sich die Schuhe abzustreifen; beim Betreten von Kirchen tun sich Gläubige mit geweihtem Wasser ein Kreuz auf die Stirn; Leute geben sich die Hände zur Begrüssung. In tatsächlich allen Kulturen weltweit finden sich Riten, die den Übergang von einem “Zustand” in den nächsten markieren – von Kind zu Erwachsensein, von lebendig zu tot, von Jahreszeit Ende zu Beginn. Egal ob so was Grosses wie Leben/Tod oder Kleines wie Beruf/Privat, unser Leben ist voll dieser Brücken. Nur bleiben die kleinen Brücken im Alltag oft unentdeckt. Wir sind auf Effizienz getrimmt und auf den kürzesten Weg zwischen A und B. Aber wenn man all die kleinen Brücken entdeckt wie zum Beispiel Schlafen gehen, zur Arbeit gehen, die Woche beenden, die Woche starten, Kaffeepause, bei der Arbeit ankommen, etc, gibt es hunderte Möglichkeiten, auf so eine kleine, unauffällige Brücke ganz viel Liebe zu tun und ein kleines, überhaupt nicht aufwendiges Ritual zu erschaffen. Eine Kerze anzünden, wenn ihr Beide zusammen seid oder Zuhause ankommt; eine Tasse Tee vor dem Schlafengehen und einen Moment erzählen, bei dem ihr heute aneinander gedacht habt; eine bewusste Nachricht schicken, wenn ihr eine Kaffeepause macht; am Sonntag Abend zusammen im Lieblingspulli kuscheln; dem Gegenüber die Schuhe kniend ausziehen. Nichts wildes. Die Möglichkeiten sind endlos und haben Platz im grössten Alltagsstress, holen euch zurück auf den Boden eurer Dynamik und schaffen Verbindung.
3 – Perfektion ist Quark
Es gibt einen irgendwie paradoxen Blocker im Umgang mit Spielen: Alltag ist mühsam und wenn man sich dann endlich Zeit zum Spielen nimmt, sich darauf freut und dem Alltag entkommen will, dann sind die Erwartungen so hoch, dass es nahezu unmöglich wird anzufangen. Quasi je dringender, desto schwieriger manchmal. Das ist schaurig unfair. Gefühle wie “ich würde ja schon gerne, aber hab jetzt keinen Kopf für das und das” kommen auf. Oder man hat schon länger nicht mehr gespielt und der Erwartungsdruck wie grossartig die nächste Session sein soll wird umso gigantischer. Die Wahrheit ist: Perfektion ist Quark. Wertet “Hauptsache spielen” höher als Perfektion um nicht in diese Falle zu tappen. Vermittelt dieses Gefühl auch eurem Gegenüber, vielleicht habt ihr diesen Perfektionsdruck nicht, aber euer Mitmensch in dieser Dynamik. Erwartungen können auch bewusst heruntergeschraubt werden, ihr könnt euch austauschen darüber, dass heute vielleicht X und Y nicht sein muss. Hauptsache ihr spielt und haltet trotz Alltag eine spielerische Atmosphäre aufrecht.
4 – Verändert Euch!
Wie ihr eure Dynamik am Anfang gestaltet habt, passt heute vielleicht nicht mehr zu 100%. Das Leben verändert sich, Stress verändert sich und unweigerlich verändert sich auch Lust. Wenn das Leben fordernder ist, findet ihr vielleicht mehr Spass darin, andere Aspekte der Dynamik in den Vordergrund zu stellen: Vielleicht ist jetzt nicht der Moment, für aufwendige Spiele; vielleicht das Gegenteil und ihr braucht aktuell Sessions, die härter, strikter oder länger sind; vielleicht war bis anhin die Betonung auf Service und aktuell macht Bratting mehr Sinn. Wenn sich das Leben verändert, warum soll sich die Dynamik nicht verändern? Das muss keine Verlustängste auslösen. Wenn ihr miteinander im Gespräch bleibt und nicht an Etwas festhält, dass schwieriger geworden ist, darf sich auch eure Dynamik weiterentwickeln. Meistens schenkt euch das ganz viele neue Möglichkeiten, ins Spielen zu kommen.
5 – Vom Spielen zum Spiel
Reden wir kurz über Nicht-Kinky-Spiele. Es gibt faszinierende Forschung darüber, welche Gehirnregionen beim Spielen aktiv sind. Regionen, die sonst in unserem Alltag nicht viel Raum kriegen. Es ist nachgewiesen einfacher, aus diesem “Spielmood” in die Lust zu kommen, als beim Ausfüllen der Steuererklärung. Dieses Wissen können wir nutzen, um ins kinky Spielen zu kommen. Egal ob ihr euch ab und zu Zeit für ein Kartenspiel nehmt, zusammen am Handy spielt oder einfach ein Wettkampf habt, wer am schnellsten die Joggingrunde beendet – kleine Spiele im Alltag haben einen erstaunlich erfrischenden Einfluss um eine Atmosphäre zu erschaffen, von der aus ihr in die Lust einsteigen könnt.

